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Zwischen Paradies und Panik

2009 war ich das erste Mal in Tanzania. Aus geplanten 3,5 Monaten wurden zunächst 7, dann immer häufigere Besuche und eine große Liebe zu Land und Leuten. Seit 2015 verbringe ich fast 6 Monate des Jahres in Tanzania. In Kigamboni, einem ruhigeren ländlicheren Distrikt vor den Toren der wirtschaftlichen Hauptstadt Dar-es-Salaam, direkt am Indischen Ozean.

Als ich am 3. Februar in den Flieger in Richtung meiner zweiten Heimat gestiegen bin, da wurde bereits über Covid-19 gesprochen. Das Virus war jedoch noch weit weg, in China. Möglicherweise gab es auch schon Fälle in Deutschland. Ich weiß es nicht mehr. Auf den Flughäfen sind vereinzelt Menschen mit Masken zu sehen gewesen, in Dar-es-Salaam wurde kurz meine Temperatur gemessen, aber das war es auch schon.
Heute, knapp 3 Monate später ist das Virus nicht mehr so weit entfernt. Drüben in der großen Stadt, vereinzelt in anderen Regionen und wenn man der letzten Info glauben darf, auch hier in Kigamboni.

In meinem kleinen Paradies sind dunkle Wolken aufgezogen.

Wie geht es uns hier mit Covid-19? Wie geht es mir? Ein kleiner Einblick in unser Leben mit Corona – aus meiner persönlichen Sicht und meiner persönlichen Einschätzung.

Corona in Tanzania – Erste Maßnahmen
Als am 16. März der erste bestätigte Corona-Fall in Tanzania veröffentlicht wurde, hat die Regierung sofort Maßnahmen eingeleitet.
Einrichtungen wie Kindertagesstätten bis hin zu Universitäten wurden mit sofortiger Wirkung geschlossen. Sportliche Großveranstaltungen, aber auch Musikevents wurden abgesagt. An jeder Ecke schossen plötzlich Eimer mit Wasser und Seife aus dem Boden, selbst an der ATM wurde ein Desinfektionsmittelspender installiert. Straßen wurden desinfiziert, Busse durften nur noch die Anzahl Passagiere wie Sitzmöglichkeiten befördern, an Fähre und Schnellbusstationen stand Hilfspersonal mit Desinfektionsmittel bereit.
Nach und nach wurden Touristen-Hotels geschlossen. Große Restaurants, Clubs und Bars. Ankommende Reisende via Flugzeug oder Land mussten 14 Tage in einem von der Regierung vorgeschrieben Hotel in Quarantäne, auf Selbstzahler-Basis.
Die neu bestätigten Zahlen stiegen langsam. Der Großteil der Infizierten waren Reisende, die gerade aus Europa oder Asien zurück kamen. Mittlerweile sprechen wir nun auch von Community transmission.

Seit dem 11. April sind alle internationalen Flüge bis auf Weiteres gestrichen. Nur noch Cargo-Maschinen sind erlaubt. Die Landes-Grenzen sind weiterhin offen, aber auch hier ist Quarantäne-Pflicht.
Seit diesem Montag, 20. April ist Maskenpflicht auf der Straße. Straßenlokale dürfen nur noch Take-Away anbieten, es ist ein Abstand von 2m einzuhalten und Märkte sind dazu aufgerufen, sich neu zu organisieren. Gotteshäuser bleiben weiterhin geöffnet.
Einen kompletten Lockdown wie in anderen Ländern gibt es bis dato noch nicht. Soll es laut unserem Präsidenten auch nicht geben.
Heute, am 22. April haben wir 284 offiziell bestätigte Fälle – davon der Großteil in Dar-es-Salaam, 11 Personen sind genesen und 10 Tote sind verzeichnet. Doch ich glaube nicht so recht daran, dass diese Zahlen stimmen. Sind es mehr und man sagt es uns nicht? Wird genug getestet? Wer wird getestet? Gibt es überhaupt genügend Test-Kits und Locations zum Testen?

Corona in Tanzania – Was bedeutet das für die Menschen hier?
In weiten Teilen und von außen betrachtet geht das Leben hier ganz normal weiter.
Bis vor kurzem waren Bars und Restaurants noch gut besucht. Kleinbusse in Kigamboni scheinen noch immer voll zu sein. Durch das Limitieren der Passagiere in den öffentlichen Verkehrsmitteln in der Stadt haben sich die Menschenmassen nun jedoch auf die Plattform oder die Straße verlagert. Am Strand treffen sich am Abend die Jugendlichen noch immer zum Fußball spielen oder sitzen zusammen. Und es gibt tatsächlich noch Restaurants, in denen man sitzen und essen kann. Maskenpflicht? Naja, Pflicht sieht anders aus.

 

Es scheint als ob viele die Situation und den Ernst der Lage lange nicht verstanden haben. Wie auch, wenn man in einem Land lebt in dem der Tod allgegenwärtig ist und Krankheiten wie Malaria und HIV, sowie Hunger an der Tagesordnung sind. Da sind die paar Corona-Fälle gelinde gesagt nichts.
Und wie auch, wenn man dem informellen Sektor angehört, der von der Hand in den Mund lebt und morgens aufsteht, um das Abendessen für die Familie zu verdienen. Da hat man ganz platt formuliert die Wahl zwischen Tod durch Hunger oder Corona.
Social Distancing geht hier so gut wie nicht. Und wenn, dann ist es nur etwas für Privilegierte. Menschen mit Autos, mit einem festen Einkommen, vielleicht sogar mit Rücklagen oder Selbstversorger mit eigenem Land.

Mittlerweile sind wir in der Regenzeit angelangt. Das macht die Situation nicht einfacher. Der Tourismus, einer unserer wichtigsten Einnahmequellen ist komplett zum Erliegen gekommen. Die vermutlich letzten Touristen werden morgen durch einen von den Niederländern organisierten Flug das Land verlassen. Wann wieder jemand ins Land kommt, steht in den Sternen.
Und so schließen nicht nur die letzten Hotels und Restaurants, auch Souvenirshops machen dicht und entlassen die Mitarbeiter. Alex, ein Bekannter der am Strand bunte Tücher verkauft sagte bereits letzte Woche zu mir. „Elke, maishi ni ngumu. Nakufa njaa.“ – Das Leben ist hart. Ich sterbe vor Hunger. Ein befreundeter DJ, der aufgrund der Schließung der Clubs nicht mehr auflegen kann, rief heute morgen an, er hat noch 1.000 TSH, also ca. 45 Cent. Und dabei sind wir erst am Anfang der Krise.

Corona in Tanzania – was macht das mit mir?
Ich wollte schon immer länger als 3 Monate am Stück in Tanzania bleiben. Dieser Traum wird jetzt wahr. Wenn auch nicht so, wie ich mir das vorgestellt habe. Da macht sich durchaus ein leicht beklemmendes Gefühl in mir breit. Denn in irgendeiner Art und Weise habe ich die Kontrolle verloren. Wenn ich emails von der Deutschen Botschaft bekomme, steigt mein Adrenalin-Spiegel, weil ich dann einfach schwarz auf weiß lese, was ich eigentlich weiß und gerne verdränge.

Ich bin privilegiert. Und das weiß ich aktuell noch mehr zu schätzen als sonst.
Ich habe ein Dach über dem Kopf. Ich kann aktuell noch fast jeden Tag an den 5 Minuten entfernten Strand – meinen Kraftort. Ich habe, wenn sich die Lage verschlechtert in der Tat die Möglichkeit mir einen Vorrat an Wasser und Lebensmitteln zuzulegen. Ich kann zuhause kochen, mir Lebensmittel ins Haus bringen lassen. Ich habe Freunde – hier und überall auf der Welt mit denen ich mich austausche und telefoniere. Denn Freunde, die in der Stadt oder weiter weg wohnen besuche ich aktuell einfach nicht.
Ich zähle mich nicht zur Risikogruppe, dennoch habe ich unterschwellig Angst krank zu werden. In einem Land in dem die medizinische Versorgung nicht wirklich gegeben ist.
Und an manchen Tagen frage ich mich auch, was passiert, wenn die Lage sich hier zuspitzt. Bin ich dann als Weiße, mit vermeintlich Geld in der Tasche, die vermeintlich das Virus nach Tanzania gebracht hat, noch sicher? Schon seit Wochen höre ich immer wieder Corona-Rufe, wenn ich auf dem Markt oder am Strand bin.

Manager für Menschen liegt aktuell auf Eis. Es kann keiner reisen, also kann auch keiner in einen freiwilligen Einsatz gehen. Und keiner weiß, wann das wieder möglich ist und ob meine potentiellen Kunden dann überhaupt Geld haben bzw. den Mut sich in einem sozialen Projekt zum Beispiel in einem afrikanischen Land zu engagieren. Vielmehr mache ich mir aber Sorgen um unseren kleinen Verein. Und um die Projekte, die wir unterstützen. Schaffen wir es unsere Paten zu halten, so dass wir auch im nächsten Jahr die Schulausbildung der Kinder finanzieren können? Bekommen wir in diesem Jahr genug spenden, um das Frauenprojekt aufrecht zu erhalten, aber auch – und ich glaube das wird in diesem Jahr wichtiger als je – um Notfallhilfe in Form von Lebensmittelpaketen oder Arztbesuchen zu stemmen?

Ich will keine Panik schüren, aber ich weiß, dass die nächsten Wochen hart werden. Für die meisten Tanzanier vermutlich noch härter.
Ich werde morgen nicht im Flugzeug nach Europa sitzen. Ich habe mich bewusst dafür entschieden hier zu bleiben, nicht davon zu laufen. In guten wie in schlechten Tagen. Ich weiß, dass wir es gemeinsam schaffen. Akzeptieren was ist und einfach Vertrauen ins Leben haben. Das ist gerade das, was wichtig ist.

Live-Session: Abenteuer Auszeit

Geschichten eines Volunteer Experts am 13. und 27. Juni 2020 live via Zoom

Handwerker auf Zeit gesucht!

Handwerker auf Zeit gesucht!
Für ein Projekt 50 km südlich von Dar-es-Salaam suchen wir das erste Mal Handwerker auf Zeit.

Auf knapp 5 Hektar fruchtbarem Land ist eine kleine Oase entstanden, in der Kleinkinder von tansanischen Mamas betreut werden. Daneben wird Landwirtschaft betrieben und aktuell entstehen weitere Gebäude, um einen Restaurationsbetrieb und ein Sanatorium zu beherbergen, die das Projekt in naher Zukunft tragen sollen.

Das Konzept ist schlüssig, die Kinder werden in ihrer physischen und geistigen Entwicklung gefördert und die Projektleiter und das ganze Team verdienen Unterstützung.
Bist du handwerklich begabt? Möchtest du tiefer in die tansanische Kultur eintauchen? Hast du Lust, dich mit tansanischen Handwerkern auszutauschen und voneinander zu lernen? Dann suchen wir dich:
Schreiner, Elektriker, KFZ-Mechaniker, Maurer, Zimmerer und Sanitärtechniker.

Unterkunft und Verpflegung werden gestellt.

Interesse? Dann melde dich unter info@managerfuermenschen.com

Let´s work

Gestern fand der alljährliche Kindertag des Waisenkinderprogramms OVC (Orphans and Vulnerable Children) statt. Die Kinder des Förderprogrammes kamen gemeinsam mit ihren Vormündern in die Moravian Church in Mabibo. Die Idee des Kindertages beruht im Wesentlichen auf zwei Bestandteilen: Zum einen werden die Kinder mit Materialien versorgt, wie zum Beispiel Moskitonetzen, Bettwäsche und Hygieneartikeln. Zum anderen soll es ihnen und ihren Vormündern an diesem Tag so richtig gut gehen: Es gab warmes Essen und eine Torte; außerdem gab es eine akrobatische Aufführung des Kigamboni Community Center. Gleichzeitig wird die Gelegenheit genutzt die Daten der Kinder zu aktualisieren.

Einen Tag später nun ein erstes Résumé: Was ist gut gelaufen, was ist nicht gut gelaufen? Im Großen und Ganzen bin ich sehr zufrieden mit dem Tag. Ich hatte den Eindruck, dass die meisten Kinder den Tag genießen konnten und zumindest ein wenig Spaß und einen vollen Magen hatten. Aus organisatorischer Sicht ist einiges nicht so gelaufen, wie wir es geplant hatten. Die tansanischen Verantwortlichen für das Projekt kamen zu spät zur Eröffnungsrede, das Aktualisieren der Listen hat sehr lange gedauert, eine Kollegin kam viel zu spät, der Caterer kam zu spät, das Kinderschminken wurde regelrecht boykottiert…. Diese Auflistung könnte ich noch eine Weile fortsetzen. Ich habe mich im Verlauf des Tages über die eine oder andere Sache ziemlich aufgeregt. Auf dem Weg nach Hause war ich in Gedanken versunken. Was war passiert? Eigentlich fand ich den Kindertag doch wirklich schön. Oder nicht? Gestern Abend ist mir bewusst geworden, dass mir meine eigenen Gedanken im Verlauf der letzten Wochen entglitten sind.

Warum bin ich nach Tansania gekommen? Ich bin hier, weil ich mich einbringen wollte. Ich wollte in dieses Land kommen, in diesem Projekt arbeiten, um zu sehen, wo ich gebraucht werde. Ich wollte die Aufgaben, die mir zugewiesen werden, so gut wie möglich meistern.

Was habe ich mir vorgenommen? Ich habe mir fest vorgenommen, es nicht besser zu wissen. Ich habe mir fest vorgenommen, dass ich versuche zu helfen, wo ich gebraucht werde, und nicht selber definiere, wo ich gebraucht werden sollte. Ich habe mir fest vorgenommen, nicht arrogant und herablassend zu sein, sondern meine tansanischen Arbeitskolleginnen mit Respekt und Achtung zu behandeln. Ich wollte sie  nicht bevormunden. Ich habe mir vorgenommen, nicht zu sagen: Ich weiß genau was ihr braucht und wie wir das am besten umsetzen. Ich habe mir fest vorgenommen, im Rahmen meiner Berichterstattung gegenüber Freunden und Familie keine Stereotypen aufzubauen und zu unterstützen. Ich habe mir fest vorgenommen, kein einseitiges Bild von diesem Land und meiner Arbeit zu zeichnen. Ich wollte alles in seiner bunten Vielfalt, in Grautönen und nicht in schwarz-weiß darstellen. Ich habe mir vorgenommen diejenige zu sein, die von den Menschen hier lernt, und nicht diejenige, die ihnen etwas beibringt. Zumindest habe ich mir vorgenommen, dass dieses Lehren und Lernen auf Gegenseitigkeit und Wertschätzung beruht. Ich habe mir fest vorgenommen, nicht darüber zu urteilen, dass viele Menschen hier kein Englisch können, weil ich diejenige bin, die sich dafür schämen sollte, die Landessprache nicht zu beherrschen.

 

Ich habe mir das alles vorgenommen. Und jetzt bin ich hier und stelle plötzlich fest, dass ich diesen Vorsätzen in den letzten Wochen nicht gerecht geworden bin. Ich habe versucht meine persönlichen Vorstellungen von organisierter und effizienter Arbeitsweise durchzusetzen. Ich habe mich über meine tansanischen Kolleginnen lustig gemacht. Ich habe sie nicht ernst genommen. Das ist mir vor zwei Tagen bewusst geworden. Gestern ist mir dann bewusst geworden, dass das nicht schlimm ist. Schlimm wäre, es gar nicht zu bemerken, oder aber es zu bemerken und nicht zu versuchen, es zu ändern. Ich werde mir wieder fest vornehmen, ein Gast zu sein. Solange, bis ich wieder merke, dass es mir mehr und mehr entgleitet. Und dann hoffe ich darauf, dass ich mich selbst oder jemand anderes mich wieder daran erinnert, was ich mir alles vorgenommen habe.

Die Arbeit als Beraterin auf Zeit ermöglicht wertvolle Erfahrungen. Erfahrungen, die man in einem anderen Umfeld nicht sammeln kann. Sie bietet die Möglichkeit eines Austausches von verschiedenen Kulturen, Mentalitäten und auch Arbeitsweisen. Dieser Austausch und diese Erfahrungen sind ein Gewinn für beide Seiten. Wir sollten uns alle immer wieder daran erinnern, warum wir hier sind, was wir uns davon erhoffen und auf welche Weise wir uns einbringen möchten.

 

 

 

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